"Das Fest" in Karlsruhe

Zehntausende vibrieren vor der Hauptbühne
Erstmals pilgert eine Viertelmillion Menschen zum Festival / Trotz Andrang bleibt die Stimmung entspannt
      

„Das Fest“ platzt aus den Nähten: Möglicherweise eine Viertelmillion Menschen, so viele Festivalbesucher wie noch nie, pilgerten an den drei Veranstaltungstagen in Karlsruhe auf das Freigelände der Günther-Klotz-Anlage an der Alb. Schon am Freitag fanden sich über 80 000 Menschen auf dem Areal ein, 50 000 bis 60 000 Musikfans feierten allein vor der Hauptbühne die Auftritte von Kettcar und New Model Army. Doch der Samstag sprengte alle bisherigen Maßstäbe. Deutlich über 100 000 Menschen kamen vor dem Top-Act, dem Auftritt der Band Seeed, zusammen und drängten sich zum größeren Teil zur Hauptbühne durch. Wegen zeitweiser Überfüllung des Festgeländes hieß es während des Auftritts von Seeed am späten Abend daher: „Nichts geht mehr“, ab 22.30 Uhr wurden die Zugänge zum Festgelände etwa eine Stunde lang dicht gemacht. Zum traditionellen Klassikfrühstück gestern Vormittag hingegen hatte sich die Lage wieder völlig entspannt; auch das Wetter erhielt die ausgelassene „Fest“-Laune. Eine bedrohliche Gewitterfront war am Samstagnachmittag an der Zelt- und Bühnenlandschaft vorbeigeschrammt und hatte nur kurz abkühlenden Regen gebracht.
Der Veranstalter wird wegen des kostenlosen Zutritts auch nach dem Schlussakkord keine präzisen Zahlen über den Besucherzustrom haben, aber eins steht bereits fest: Die Popularität des Open-Air-Spektakels ist offenbar nicht zu bremsen. Auch der Einzugsbereich wächst und wächst. „Wir sind aus Bad Schussenried gekommen, den Tipp haben wir von Bekannten aus Biberach“, erzählen Moni und Olli, die mit ihren sieben und elf Jahre alten Söhnen und einer Freundin aus dem Schwäbischen angereist sind und im Wohnmobil übernachten. Unter der Brasilien-Flagge, die alljährlich auf dem Hügelkamm zwischen Haupt- und Theaterbühne flattert, versammelt Dennis Jonathan inzwischen Freunde aus der ganzen Republik um sich: „Mannheim, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg, Leipzig, Berlin“, zählt er fröhlich auf. Dagegen ist für Tausende treuer Fans aus dem nahen und weiten Umland wie Jonas Buchholz aus Sulzfeld bei Malsch das Fest in der „Klotze“ schon fast ein Heimspiel. Im Funkloch vor der Hauptbühne vibrierte er zum Seeed-Sound, sein Handy tat es nicht – Auszeit vom Alltag, ein Ausnahmezustand, wie ihn „Fest“-Gänger genießen.
Bedürfte es noch eines Beleges, wie die Massen das Festgelände stürmten – die Ausschankbilanz spricht Bände. Was noch nie geschah, trat am Samstagabend ein: Die Getränkevorräte waren leer. „Wir waren trotz großer Vorräte vorübergehend ausverkauft“, gesteht Organisator Rolf Fluhrer. Darin stecke jedoch auch ein positiver Aspekt: „Unser wirtschaftliches Ziel für die ersten beiden Tage ist erreicht.“ Das größte südwestdeutsche Gratis-Open-Air-Spektakel finanziert sich unter anderem durch den Verkauf von Getränken, zunehmend auch durch „Sympathie“-Artikel wie T-Shirts und Trikots, die, vielleicht im Sog der Weltmeisterschafts-Begeisterung, zu Hunderten über die Verkaufstische gingen.
Tücher, Hüte, Sonnenschirme – alles Schattenspendende hatte Hochkonjunktur am „Mount Klotz“, an dessen steilen Hängen sich viele Unentwegte schon Stunden vor begehrten Programmpunkten attraktive Plätze sicherten. An der Bar floss Sonnenmilch zum Selberzapfen literweise. Nicht nur zu den Auftritten der bekannten und weniger bekannten Bands füllte sich die Kulisse zu teils atemberaubender Dichte, mächtigen Zug entwickelten auch die Stars der „Nebenschauplätze“, etwa die Schrillmänner am Samstag („Wo kommt das Geld beim Homebanking her – aus dem Drucker?“) und Comedian Christoph Sonntag in der sonntäglichen „Wunderland“- Revue mit dem Wall Street Theatre und Basta. Zu den Schattenseiten zählen Notfalleinsätze: Das Rote Kreuz stockte die Zahl seiner Helfer auf; diese versorgten Hunderte Sonnen- und Insektenstiche, Schnittverletzungen durch Scherben, aber auch Alkoholvergiftungen.
Gut gestartet ist laut Fluhrer die Erweiterung des Sportparks am Westrand des Geländes. Trendsportarten wie Skating und BMX, spektakuläre Volleypartien mit Jonglierkeulen und die Premiere des Basketball-Städteturniers mit Jugendteams aus Achern, Baden-Baden, Freudenstadt und Gaggenau lockten besonders zu den Finalkämpfen ebenfalls Besucherscharen an die Alb. 

Kirsten Etzold  ( Bericht aus der BNN )